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The Last Case of John Morley

Düster, spannend und eigenwillig

The Last Case of John Morley ist genau das Spiel, das man an einem verregneten Herbstabend starten möchte: ein kurzweiliges, düsteres Noir-Abenteuer mit toller Atmosphäre – das aber immer wieder daran erinnert, dass zwischen „stimmig“ und „fertig poliert“ ein ziemlich breiter Nebelstreifen liegen kann.

Wer die richtige Erwartung mitbringt, bekommt einen kleinen, intensiven Krimiabend serviert. Alle anderen stolpern eher über Ecken und Kanten als über überraschende Wendungen.

Ein letzter Fall im Nebel

Ihr übernehmt die Rolle von John Morley, einem Privatdetektiv, der nach einem schwer verletzenden letzten Fall aus dem Krankenhaus entlassen wird – nur um in seinem Büro direkt von Lady Margarette Fordside mit einem 20 Jahre alten Mordfall konfrontiert zu werden.

Die einstige Polizeiakte ist geschlossen, die Tochter Elodie offiziell Opfer eines Einbruchs, doch Lady Fordside ist überzeugt, dass der wahre Täter nie gefasst wurde, und ihr folgt ihr in Herrenhäuser, Kliniken und verlassene Orte, die aussehen, als hätte man sie nur fürs schlechte Gewissen liegengelassen.

Sehr atmosphärisch

Die Inszenierung bedient sich dabei genüsslich im Noir-Baukasten: rauchige Inneneinstellungen, knarzende Böden, gedämpftes Licht, verregnete Fenster, ein Erzähler, der mehr mit seinem inneren Monolog kämpft als mit einer Pistole.

Das Spiel ist ganz bewusst ein narratives Adventure und kein Actiontitel – ihr lauft, lest, rekonstruiert und kombiniert, statt zu kämpfen oder Quick-Time-Events abzuarbeiten. Eine Tatsache, die ich persönlich sehr begrüße.

Starkes Brett, wackelige Staffelei

Die größte Stärke des Spiels ist die Stimmung: Es herrscht eine dichte, fast bedrückende Atmosphäre, bei der man ständig das Gefühl hat, da wäre „noch etwas“ im Raum – auch wenn objektiv nichts passiert. Die Kulissen wirken handverlesen: ein heruntergekommenes Herrenhaus, ein unheimliches Sanatorium, verlassene Gänge, in denen jedes Flackern der Lampe mehr erzählt als so mancher Dialog.

Gleichzeitig merkt man dem Spiel an, dass das Budget nicht unbegrenzt war: Animationen wirken teils steif, Texturen sind nicht auf AAA-Niveau, und kleinere Präsentationspatzer – etwa nicht ganz sauber gesetzte Texte oder inkonsequente Ortsnamen – ziehen euch immer wieder kurz aus der Immersion. Das Ergebnis ist ein bisschen wie ein liebevoll gemachtes Hörspiel, das unbedingt Film sein möchte, aber noch nicht überall das passende Equipment hat.

Ermitteln statt Explosionen

Spielerisch ist The Last Case of John Morley ein klassisches First-Person-Detektivabenteuer, bei dem ihr Räume absucht, Hinweise untersucht und daraus die Ereignisse der Tatnacht rekonstruiert. Ihr lest Dokumente, verknüpft Beobachtungen, ordnet Beweisstücke ein und nutzt eine Art Fallakte, um das Puzzle schrittweise zusammenzusetzen.

Viele Rätsel setzen eher auf Logik und Beobachtung als auf wildes Kombinieren von Inventargegenständen, und gerade das sorgfältige Rekonstruieren von Abläufen – zum Beispiel des Mordes anhand von Spuren im Zimmer – ist ein klarer Höhepunkt des Spiels. Die Kehrseite dieser „du bist ein Profi“-Herangehensweise ist allerdings, dass das Spiel euch wenig an die Hand nimmt: Es gibt kein echtes Hinweissystem, wichtige Codes werden nicht automatisch ins Journal übernommen, und wer nicht mitschreibt oder aufmerksam liest, kann schnell festhängen.

Noir-Roman zum Durchspielen

Die Story selbst fand ich sehr gelungen: kein revolutionärer Krimi, aber eine solide, schön erzählte, in sich geschlossene Mystery-Geschichte im Stil klassischer Detektivromane. Die Wendungen sind nicht völlig überraschend, aber so aufgebaut, dass ihr euch eher in der zunehmenden Beklemmung wiederfindet als im „Whodunit“-Ratespiel – das Spiel lebt mehr von Stimmung und Charakterstudien als von dem einen großen Twist.

Besonders gelobt werden dabei die Sprecherleistungen und der Erzählfluss, der euch in gut 4–6 Stunden durch einen kompakten Fall führt, der sich eher wie ein langer Roman oder eine Miniserie anfühlt als wie eine offene Sandbox.

Wo der Lack abblättert

So viel Charme der Fall hat, so deutlich sind auch die Schwächen: Ich könnte euch eine recht umfangreiche Liste an Störfaktoren bieten – von Tippfehlern in Texten über uneinheitlich geschriebene Ortsnamen bis hin zu unsauberen Untertiteln, die nicht immer zum gesprochenen Text passen. Technische Macken und kleine Bugs tauchen zwar nicht im Minutentakt auf, aber häufig genug, dass sie euch auffallen, wenn ihr ohnehin jede Notiz und jede Inschrift auf Relevanz prüft.

Dazu kommen Komfortprobleme: Nicht überspringbare Dialoge, die beim zweiten Anlauf nerven, fehlende Markierungen für bereits gelesene Dokumente und eine etwas fummelige Fallakte sorgen dafür, dass sich Morleys letzte Ermittlung gelegentlich sperriger anfühlt, als sie sein müsste. Das Finale selbst ist zumindest etwas holprig – kein Totalausfall, aber auch nicht der perfekt geschriebene Schlusspunkt, den die bis dahin aufgebaute Spannung verdient gehabt hätte.

Fazit: Ein Fall für Indie-Liebhaber

Wenn ihr auf erzählerisch dichte, kurze Detective-Adventures steht, euch gerne in staubigen Herrenhäusern verlauft und Spaß daran habt, Textseiten wirklich zu lesen, dann ist The Last Case of John Morley so etwas wie ein kleiner Geheimtipp: ungeschliffen, aber mit Herz und sehr viel Atmosphäre. Genre-Fans, die mit fehlendem Komfort leben können, finden hier genau die Art von Fall, bei dem man nachts noch kurz im Kopf die Spuren sortiert, bevor man das Licht ausmacht.

Wer hingegen eine makellos produzierte, technisch glänzende Mystery-Erfahrung erwartet, wird eher das Gefühl haben, ein spannender Prototyp mit großartigen Ansätzen sei einfach zu früh veröffentlicht worden. In Noir-Begriffen ausgedrückt: Morleys letzter Fall ist kein perfekter Krimi, aber einer dieser Fälle, die einem im Gedächtnis bleiben – nicht weil alles glatt läuft, sondern weil man trotz all der Macken irgendwie froh ist, ihn angenommen zu haben.

Erhätlich für: Xbox, PS, PC

Webseite: The Last Case of John Morley