Ein herzliches Willkommen in einer seltsamen, märchenhaften Welt. Schon auf der gamescom machte mich „The Lonesome Guild“ neugierig: Ein Action-RPG, bei dem Emotionen, Freundschaft und Beziehungen im Mittelpunkt stehen? Klang komisch, ist aber so charmant.
Statt starker Helden und Power-Fantasy gibt’s hier schrullige Tierwesen, viel Herz und eine Geschichte, bei der sich alles um den Kampf gegen Einsamkeit und innere Dämonen dreht. Und das ist keineswegs kindlich-platt. Schnell stellt sich heraus: Was Tiny Bull Studio hier webt, klingt zuckersüß, hallt aber noch lange nach. Ein Spiel mit ganz viel Herz.
Miasma, Freundschaft und der Weg zum inneren Frieden
Die Handlung startet dystopisch: Ein roter Nebel vergiftet das Land Etere, freundliche Seelen werden zu feindseligen Kämpfern, und nur ein bunt zusammengewürfelter Haufen gescheiterter Einzelgänger kann die Welt retten.
Ins Zentrum rückt dabei „Ghost“, ein geheimnisvolles Geisterwesen mit verlorenem Gedächtnis. Im Verlauf findet Ghost ungewöhnliche Verbündete wie den optimistischen Da Vinci, den rätselhaften Mr. Fox oder das chaotische Dreiergespann Ran Tran Trum. Jeder der sechs Hauptcharaktere hat eigene Macken, emotionale Brüche und schließt sich der Gilde mit ganz eigenem Hintergrund an.
Der bunte Haufen bringt jede Menge Themen mit: vom Vater-Sohn-Konflikt bis zur tragischen Einsamkeit wird hier einiges besprochen. Die Interaktionen im Camp, die Entwicklung der Beziehungen und die teils sehr ehrlichen Dialoge sorgen für Momente, die berühren – und weit über klischeehafte RPG-Konstellationen hinausgehen.
Taktische Verbundenheit und die Kraft der Gemeinschaft
Das Herzstück ist das aber neben den Gesprächen ehr das Kampfsystem – schließlich sind wir hier in einem Acrion-RPG. Ihr kontrolliert Ghost, der jeweils einen der Gefährten „besitzt“ – und dabei deren Kampfstil und Spezialfähigkeiten nutzen kann. Klingt komplizierter als es eigentlich ist.
Der Clou: Ein rechtzeitiger Wechsel zur nächsten Figur bringt einen Boost, der nicht nur mehr Schaden, sondern auch taktische Supportmoves auslöst. So kommen bei jedem Wechsel kleine Synergien ins Spiel, die zum Experimentieren einladen, ohne allzu schwer zu wirken. Wie ihr wisst, wann sich ein Wechsel lohnt? Ganz einfach: Ein Zeichen über dem jeweiligen Charakter deutet an, dass er reif für eine Super-Attacke ist.
Gemeinsam stark
Während Teammitglieder automatisch kämpfen, liegt der Fokus stets auf Timing, Überblick und – Überraschung! – Zusammenhalt. Lernpunkte und Fähigkeiten bekommt ihr über Beziehungsmomente am Lagerfeuer, bei Gesprächswahl und durch das gemeinsame Erleben von Quests.
Es gibt dabei zwei Arten von Punkten: einmal haben wir die Fähigkeitspunkte, die ihr in neue Skills oder deren Verbesserung reinstecken könnt. Um aber neue Fähigkeiten freizuschalten, braucht es eine bestimmte Anzahl an Beziehungspunkten mit Ghost. So balanciert sich das System sachte aus. Nette Idee.
Linearer Spaß
Die Areale sind in große Regionen und kleinere Level aufgeteilt, zwischen denen ihr meist recht frei navigieren könnt. Zugegeben: Manchmal fehlt es an Übersicht, und das Backtracking durch bereits erkundete Abschnitte kann zäh wirken, zumal die Karte nur am Camp sichtbar ist und keine Zielmarker setzt. Dafür lohnen sich die Erkundung und die kleinen Gespräche, denn die Dialoge steigern nicht nur den emotionalen Wert, sondern auch den Skilltree eurer Crew.
Aber denkt nicht, dass ihr hier ein Open-World-Abenteuer vor euch habt – was ich persönlich für eine gute Entscheidung halte. Denn so bleibe ich recht konzentriert bei der Story und den Charakteren. Hier und da lassen mich die Abzweigungen aber auch etwas Neben-Quests erledigen.
Farbenfroh, süß und voller Charakter
Optisch ist „The Lonesome Guild“ ein Genuss für Freunde von liebevoller 3D-Cartoonkunst. Die Welten strotzen vor knalligen Farben, kleinen Details und eigensinnigen Designs. Einfach nur niedlich und super sympathisch.
Die Musik ist mal verspielt, mal verträumt – und die Tiercharaktere mit ihren Porträtbildern herzlich gezeichnet, selbst wenn die 3D-Modelle manchmal etwas steif geraten. Keine Revolution, aber ein Augenschmaus für Indie-Fans.
Kritik: viel Gefühl, einige Längen
Nicht alles ist perfekt: Das Kampfsystem bleibt auf Dauer trotz Synergien simpel, starke Story-Momente wechseln sich mit Erzähllängen ab und manche Figuren wirken letztlich doch etwas weniger ausgereift als zunächst erhofft.
Die Orientierung in den Arealen ist gewöhnungsbedürftig, und mitunter geht durch Backtracking der Spielfluss verloren. Dennoch: Das Ensemble wächst einem ans Herz, und die zentralen Themen von Trauer, Freundschaft und Überwindung machen The Lonesome Guild zu einem bemerkenswerten, ehrlichen Abenteuer.
Fazit: Friendship RPG mit Herz und Botschaft
„The Lonesome Guild“ ist ein farbenfrohes, ungewöhnliches Abenteuer, das RPG-Fans ans Herz geht. Das habe ich bereits auf der gamescom schon so wahrgenommen - und konnte ich nun bestätigen. Wer Wert auf Charaktere, Dialoge und emotionale Storys legt, bekommt einen eigenständigen Geheimtipp, der klassische Rollenspielelemente und moderne Themen gekonnt verknüpft. Kein AAA-Bombast, aber ein Spiel, das viel Zuversicht und Verbundenheit vermittelt – und im Zeitalter großer Einzelkämpfer daran erinnert, wie schön es ist, nicht allein zu sein.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: https://dont-nod.com/en/games/the-lonesome-guild