Unterhaltung Games

The Long Reach

Pixel, die euch das Fürchten lehren!

Fast könnte man meinen, dass wir wieder in den 90er-Jahren sind, wenn man sich das Werk des Indie-Studios Painted Black Games anschaut: „The Long Reach“ von Publisher Merge Games setzt auf grobe Pixel-Grafik und den damit einhergehenden nostalgischen Charme von Adventures aus jenen Tagen. Doch in einem Punkt unterscheidet sich dieses Spiel von seinen Artgenossen deutlich: Es wird euch das Fürchten lehren …

Menschen anstatt Orks

„The Long Reach“ siedelt seine Story, was auch eher untypisch ist, nicht in einem Fantasy-Reich voller Elfen an, sondern im Hier und Jetzt. Um genauer zu sein: In New Hampshire, in der fiktiven Stadt Baervox. Dort gehen nämlich sehr merkwürdige, brutale Dinge vor sich, wie Calvin bald feststellen muss.

Als Spieler schlüpft ihr jedoch in unterschiedliche Rollen und beleuchtet die Vorgänge aus verschiedenen Blickwinkeln. Gespielt wird aus der 2D-Seitenansicht, wie bei einem klassischen Sidescroller, was sich angenehm steuern lässt. Objekte, mit denen ihr interagieren könnt, leuchten auf, so dass ihr nicht sonderlich viel verpassen könnt.

Im Grunde arbeitet ihr euch wie bei Adventures üblich von Raum zu Raum durch und entdeckt dabei ein paar Items, die ihr kurzerhand einsteckt. Später kombiniert ihr diese oder lasst sie an passender Stelle zum Einsatz kommen.

Die ukrainischen und russischen Entwickler von Painted Black Games haben sich aber ein paar ganz schön knifflige Rätsel einfallen lassen, bei denen ihr manchmal „outside the box“ denken müsst, wie sie es selbst ausdrücken. Genre-Fans werden hier definitiv ihren Spaß haben.

Lass das Licht an!

Für mich waren allerdings nicht die Rätsel und das Setting das Besondere an „The Long Reach“, sondern die düstere und packende Atmosphäre, die das Spiel verströmt. Auch wenn es nur grobe Pixel sind, jagen mir diese mehr Angst ein als manch ein Triple-A-Titel mit High-End-Grafik. Bei „The Long Reach“ zählt die clevere Prämisse: Lass sich Spieler vor dem fürchten, was sie nicht sehen. Und das funktioniert hervorragend.

Mein Gehirn braucht nur ein paar kleine Inputs, um sich ein eigenes Bild von dem zu machen, was in den Büroräumen eines Forschungslabors geschehen ist. Schon erstaunlich, dass die rudimentäre Grafik das leisten kann. Anders ausgedrückt: In den 90er-Jahren hätte ich dieses Spiel garantiert nicht im Dunkeln zocken können.

Übrigens setzt „The Long Reach“ beim Gameplay nicht nur auf eure grauen Zellen, sondern verlangt hier und da auch mal etwas Geschick, was ich persönlich sehr erfrischend fand. Die Entwickler haben sich hier von „Lone Survivor“ und „The Cave“ inspirieren lassen.

Ein kleines Beispiel mit Mini-Spoiler (!): An einer Stelle müsst ihr einen verrückt gewordenen Messerschwinger in ein sicheres Areal bringen beziehungsweise locken. Dazu erregt ihr kurz seine Aufmerksamkeit, indem ihr vor ihn treten und anschließend die Beine in die Hand nehmt, euch in einem Schrank versteckt, wartet bis er an euch vorbeigelaufen ist und die Tür schließt.

Bis ihr jedoch auf diesen Ablauf kommt, werdet ihr sicherlich den ein oder anderen Bildschirmtod gestorben sein. Glücklicherweise setzt „The Long Reach“ seine Speicherpunkte aber recht fair.

Humor wie mein Kaffee – schwarz

Neben diesen Passagen kommen die Dialoge mit manch abgedrehten Charakteren nicht zu kurz. Der Humor dabei gefällt mir persönlich recht gut, da er sich ebenfalls an alte Klassiker anlehnt und die Situationen auflockert – wirklich cool gelöst. Oftmals habt ihr bei den Gesprächen mit anderen Charakteren zumal die Auswahl, welche Antworten ihr gebt.

Auf das Ende hat dies meines Wissens nach jedoch keine Auswirkung. Euch ist also selbst überlassen, ob ihr neunmalklug, zurückhaltend oder rotzfrech agiert. Zurück zu den kniffligen Passagen: Bei etlichen der Rätsel müsst ihr also ordentlich um die Ecke denken, was auch den meisten Reiz des Titels ausmacht.

Im Grunde könntet ihr das Spiel innerhalb von zwei Stunden durchhaben, wenn ihr einem Walkthrough folgen würdet. Aber ohne Hilfe und mit eigener Denkleistung werden es dann bestimmt sechs bis acht Stunden werden. Ich empfehle euch wärmstens, dass ihr den verschiedenen Puzzles eine Chance gebt, bevor ihr das Internet nach Lösungen konsultiert – es lohnt sich.

Fazit

Mysteriöse Story, interessantes Setting, funktionales Gameplay und morbides Pixel-Art machen „The Long Reach“ von Painted Black Games und Merge Games zu einem schaurig-schönen Adventure im Retro-Look. Wer auf das Genre steht, sollte diesem Spiel definitiv eine Chance geben. Und seid gewarnt: Ihr werdet viel mehr davor Angst haben, was ihr nicht seht. Das Versprechen gebe ich euch gerne mit auf den Weg.

Erhältlich für: Xbox One, PS4. Switch
Website:
 thelongreachgame.com