Die Lobeshymnen eines Freundes auf Teil eins Hallen immer noch in meinem Kopf: Obsidian hätte einen neuen “New Vegas”-Moment geschaffen, meinte er und wiederholte unentwegt die Situationen, in die er hineingestolpert war. Die bunte Space-Satire, die grimmigen Entscheidungen und das launige Rollenspielskelett blieben jahrelang auf meinem Radar, auch wenn ich das Original nur aus Erzählungen kannte.
Umso gespannter war ich nun auf den zweiten Teil: Würde er die Magie behalten? Einsteigen konnte ich direkt, denn The Outer Worlds 2 klärt die Vorgeschichte elegant – und katapultiert mich sofort in die nächste dystopische Galaxis zwischen absurdem Konzernwahnsinn und bitterböser Weltraumromantik.
Zynische Zukunft auf Hochglanz
Obsidian bleibt sich in Sachen Ton und Ausrichtung treu: Die Galaxie steckt voller überdrehter Firmen, gefallener Fraktionen und jeder Menge schräger Charaktere. Das Spiel hebt die satirische, augenzwinkernde Gesellschaftskritik des Vorgängers auf ein neues Level.
Was ich damit meine? Alles ist durchgeknallt, von absurden Energydrink-Werbesprüchen bis zu den namensgebenden Outer Worlds. Die Nebenfiguren sind charmant überdreht (wenn auch im Vergleich zum ersten Teil etwas weniger originell, wie mein Kumpel meinte), Dialoge zünden und das Worldbuilding bleibt unterhaltsam kafkaesk.
Wer ist gut und böse?
Die zentrale Story ist dieses Mal geerdeter und komplexer, weniger Stand-up-Comedy, mehr echte moralische Dilemmata und lebendige Charakter-Momente. Es ist aber ein Fest, wenn mehrere Charaktere aufeinander treffen und sich über die Zukunft dieser Welt unterhalten.
Man taucht dabei tief ab in Fraktions- und Firmenkonflikte, muss sich mit skrupellosen Führungsetagen und rebellischen Außenseitern herumschlagen – und am Ende steckt hinter jeder Entscheidung mehr, als das Dialogfenster zunächst verrät.
Entscheidungen über alles
Das Herzstück des Spiels sind wie gesagt die Entscheidungen. Kaum eine Quest kommt ohne moralische Stolpersteine aus: Wohin mit dem rebellischen Wissenschaftler, wie gehe ich mit dem umweltverseuchten Minenkollaps um, was tun mit der drohenden Hungersnot? Jede Lösung verzweigt die Welt, schlägt Brücken oder zerschlägt Bande.
Bevor ihr also einfach mal was anklickt, solltet ihr überlegen, welche Auswirkungen das haben kann. Der Wiederspielwert erhöht sich dadurch enorm. Wenn ihr alles mögliche an Konsequenzen und Wendungen erleben wollt, solltet ihr viel Zeit einplanen . Doch Vorsicht: man kann sich mehrfach komplett ins Abseits manövrieren und gleitet sogar aus Storylines und weg von Item-Freischaltungen, wenn man einmal falsch wählt.
Ich bin mal so frei
Die spielerische Freiheit ist riesig: Ob Schusswaffen-Action, elegante Diplomatie, brachiale Nahkampf-Manöver oder das trottelige „Stumpfe Ende“ (ja, das gibt es tatsächlich!), alles ist erlaubt und vielfach belohnt. Besonders cool: Die neuen Systeme in Skill-Trees, Crafting und Körpermodifikation verlangen taktisches Planen.
Das eigene Helden-Setup beeinflusst Dialogoptionen, Lösungswege und sogar den persönlichen Zugang zu Story und Nebenfiguren. Die Schusswechsel wurden verfeinert, das Trefferfeedback ist endlich wuchtig und Gegner reagieren spürbar besser. Auch das Fernkampfgefühl und die Animationen sind deutlich verbessert gegenüber Teil eins, wie mein Freund betont. Ich finde es alles sehr gelungen.
Eine kurze Sache noch: Begleiter sind zwar witzig, aber weniger ikonisch als im Vorgänger. Da fehlen manchmal die ganz großen „Begleiter Quests“, doch ihre Sprüche und Skills ergänzen das Gameplay gut. Ab und an konnte ich nicht anders als dumm zu grinsen, wenn mal wieder eine blöde Bemerkung aus dem Nichts kam.
Bunter, schöner und gediegener
Grafisch ist The Outer Worlds 2 nun ein Blockbuster – bunte Planeten, irre Metropolen und viele Biome, die visuell immer wieder neue Reize bieten. Ihr solltet das hier in Bewegung sehen und nicht nur auf Screenshots.
Die Präsentation ist schick: Satter Sci-Fi-Soundtrack, knackige Synchronsprecherinnen und Sprecher, und eine Performance, die (nach Frühstart-Stotterern) stabil bleibt. Viele Details – von den Outfits bis zu den Ladenfassaden – unterstreichen den satirischen Ton. Technisch ist das hier ganz großes Kino.
Viele Stunden, viele Wege
Ich habe es ja bereits angedeutet: Macht euch auf einen epischen Trip gefasst. Für alle, die Entscheidungsfreiheit, Quests und Rollenspiel lieben, ist The Outer Worlds 2 nämlich ein Fest: Über 60 Stunden Spielzeit, zahllose alternative Lösungswege, Questenden und ein guter Mix aus Tradition und Modernisierung machen das Spiel zur RPG-Perle.
Die Systemtiefe bleibt belohnend, der Wiederspielwert ist enorm – und jede zweite Entscheidung will und muss ausprobiert werden. Lediglich das Equipment-Management ist teils zu sperrig und Crafting nicht immer sauber erklärt, aber das bleibt zum Glück ein Nebenschauplatz.
Fazit: Spielerische Freiheit trifft satirisches Rollenspiel
The Outer Worlds 2 ist das perfekte Spiel für alle, die konsequente Entscheidungsfreiheit in einer wahnwitzig gezeichneten Zukunft erleben wollen. Die RPG-Systeme sind besser und tiefgründiger, die Atmosphäre stimmig und die Dialoge herrlich böse. Wer den ersten Teil liebt oder wie ich einfach neugierig war, bekommt moralische Dilemmata, eine tolle Spielwelt, viel Humor und Rollenspiel-Spaß in einem satirischen Sci-Fi-Gewand. Das Spiel lebt von den Entscheidungen – und von der Lust, die verrückten Outer Worlds immer wieder nach neuen Wegen abzuklopfen!
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: outerworlds2.obsidian.net