Es viel mir anfangs selbst etwas schwer zu glauben: Die Macher von „Serious Sam“ – ein Spiel bei dem euch vor lauter ballern nach einer Weile die Finger wehtun – sollen hinter diesem tiefgründigen Spielchen stecken?! „The Talos Principle“ ist nämlich alles andere als „leichte“ Kost: Hier müsst ihr eure grauen Zellen anstrengen und erhaltet nebenbei noch jede Menge Input, über den ihr euch Gedanken machen könnt (aber auch nicht müsst).
Allmächtiger Wegweiser
Der Beginn ist recht kryptisch: In der Gestalt eines Roboters erwacht ihr auf einem Altar und müsst von da an Prüfungen bestehen. Eine allgegenwärtige Stimme führt euch durch die sehr hübsch, aber auch verschachtelten Welten. Hinter jeder Ecke warten dann Herausforderungen in Form von Kopfnüssen, die es zu knacken gilt – hat da gerade jemand „Portal“ gerufen?!
Zugegeben: Ähnlichkeiten habt ihr hier zwar ein paar, aber „The Talos Principle“ bietet ein unterschiedliches Rätseldesign – und erzählt eine tiefgründigere Geschichte, zu der ich später komme. Bleiben wir bei den Rätseln: Anfang sind diese noch recht leicht zu durchschauen. Einen Schalter hier aktivieren, ein Geschütz da ausschalten und am Ziel ein Bruchstück einsammeln.
Aber recht schnell zieht der Anspruch an: später seid ihr sogar mit einem Doppelgänger von euch unterwegs und müsst komplexe Lichtstrahlenrätsel lösen. Aber das Erstaunliche: „The Talos Principle“ führt euch sachte an die am Ende sehr vielschichtigen Knobelpassagen heran. Und es fühlt sich verdammt gut an, wenn ihr eins der gefühlt über 100 Rätsel gelöst habt ohne vorher bei YouTube nachgeschaut zu haben.
Tief wie der Marianengraben
Allein wegen der Rätsel wäre „The Talos Principle“ schon eine klare Empfehlung wert. Aber der philosophische Aspekt hat mich schier überrascht und umgehauen. Denn ganz wie einst Shakespeares Hamlet steht die Frage im Raum: „Sein oder nicht sein?“ An Terminals unterhaltet ihr euch nämlich immer mal wieder mit einem Unbekannten und tauscht euch über Erfahrungen aus.
Was ist Leben? Wann beginnt ein Leben? Können Roboter überhaupt lebendig werden? Es sind Fragen, die mich lange nach dem Ausschalten meiner Konsole beschäftigt haben. Doch keine Sorge: Das Spiel zwingt euch nicht zum Nachdenken. Ihr könnt diese Passagen auch getrost überspringen, wenn ihr nur die Rätsel erleben wollt – aber euch wird was entgehen.
Am Ende der Geschichte solltet ihr jedoch nicht klare Antworten erwarten: Wie im echten Leben gibt es nicht immer ein richtig oder falsch, ein hell oder dunkel, sondern eine Vielzahl an Zwischenlösungen und -schattierungen. „The Talos Principle“ gibt euch die Fragen mit auf den Weg, was ihr draus macht, ist euch überlassen.
Letztlich könnt ihr je nach euren Entscheidungen drei verschiedene Enden erleben. Sollte euch das noch nicht genügen, dann macht euch in den abwechslungsreichen Gebieten, die übrigens grafisch fantastisch, wenn auch etwas steril, in Szene gesetzt wurden, auf die Suche nach Sternen. Diese schalten Bonus-Level frei, die es in sich haben: Bei mir stehen noch einige dieser Abschnitte auf der To-Do-Liste.
Fazit
Solltet ihr bisher noch nicht das Vergnügen mit „The Talos Principle“ gehabt haben, dann ist es nun höchste Zeit, dass ihr zugreift. Croteam zeigt sich von einer tief philosophischen Seite, die mir ebenso sehr gefällt, wie ihre geraderaus-Action-Kopfabschalten-Ballerorgien von „Serious Sam“. Macht euch auf ein Knobelabenteuer gefasst, dass euch auf vielen Eben fordern und ansprechen wird.
Erhältlich für: PS4, Xbox One, PC
Website: croteam.com/talosprinciple