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The Wandering Village

Ein kleines Indie-Juwel.

Bereits im letzten Jahr durfte ich einen ersten Blick auf The Wandering Village auf der gamescom werfen und war damals sofort fasziniert von der Grundidee: Eine ganze Siedlung, die auf dem Rücken eines riesigen, lebendigen Wesens gebaut wird. Nun, mit dem vorläufigen (vollständigen) Release, habe ich zahlreiche Stunden auf dem Rücken von Onbu verbracht – und das hat sich gelohnt.

Zwischen Symbiose und Apokalypse

The Wandering Village positioniert sich als außergewöhnlicher Mix aus Städtebausimulation und Survival-Strategie. In einer Welt, die von giftigen Pflanzen und Umweltkatastrophen gezeichnet ist, versucht eine kleine Menschengruppe zu überleben, indem sie ihren Lebensraum auf den Rücken eines sanften Giganten – Onbu – verlegt. Diese Grundidee entstammt tatsächlich einer Kunstinstallation, die das Team von Stray Fawn Studio zu diesem Spiel inspirierte. Statt einer klassischen Stadt auf einem festen Fleck steht also ständige Bewegung und Anpassung im Mittelpunkt.

Die Präsentation erzeugt von Beginn an eine besondere Atmosphäre. Die Grafik besticht durch sympathische, handgezeichnete 2.5D-Optik. Alles wirkt wie ein liebevolles Bilderbuch, lässt aber zugleich jederzeit die Bedrohung dieser Welt spüren – sei es durch sich ankündigende Sandstürme oder das leise Brummen von Onbu, der stets präsent ist und doch sein eigenes Leben mitbringt.

Stadtplanung mit Herzschlag

Wer auf klassische Stadtbauer setzt, wird bei The Wandering Village überrascht: Kern des Spiels ist die Balance zwischen dem Überleben der eigenen Siedlung und dem Wohlbefinden von Onbu. Jede Entscheidung wirkt sich auf beide Seiten aus. Während man Farmen, Luftbrunnen, Wohnhütten und neue Produktionsketten baut, muss man stets darauf achten, dass die Bedürfnisse des Riesen nicht zu kurz kommen.

Onbu verlangt gelegentlich Futter, Pflege und kann beispielsweise krank werden oder durch Nebenwirkungen eurer Arbeit (etwa durch das Verbrennen giftiger Pflanzen) in Mitleidenschaft geraten. Die Beziehung zwischen Siedlung und Onbu ist das Herz des Spiels: Ob man es will oder nicht, ohne die Gesundheit und das Vertrauen des Giganten droht der gesamten Gemeinschaft der Untergang.

Immer komplexer

Das Ressourcenmanagement verlangt viel Übersicht, Geduld und Anpassungsfähigkeit. Die Siedlung wächst in Kreisläufen: Anfangs sichert man Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wasser und Schlafplätze, später rücken Spezialaufgaben wie Forschung, Medizinproduktion oder sogar Expeditionen in den Vordergrund. Je nach aktuellem Biom – Wüste, Gebirge, Wälder – gilt es, die eigene Strategie umzustellen, denn bestimmte Ressourcen sind nur vorübergehend verfügbar und Biome stellen haushohe neue Herausforderungen. Wer zu langfristig plant und einen Engpass (etwa bei Wasser oder Medizin) übersieht, kann schnell eine veritable Krise auslösen.

Besonders spannend ist die Tatsache, dass der Spieler Onbu nicht einfach wie eine Maschine kommandieren kann: Zwar wird durch Forschungsfortschritte ein Horn installiert, mit dem man dem Giganten Schlaf- oder Bewegungsbefehle geben kann, aber Onbu besitzt einen eigenen Willen. Folge: Hört man zu oft nicht auf seine Bedürfnisse, sinkt das Vertrauen, und Onbu ignoriert Befehle – bis hin zu gefährlicher Sturheit, die im schlimmsten Fall das Leben aller gefährdet. Nur wer wirklich in „Symbiose“ arbeitet und die besonderen Bedürfnisse respektiert, wird langfristig Erfolg haben.

Atmosphärische Dichte und Progression

Getragen wird das Gameplay von einer angenehm abwechslungsreichen Vertonung, bei der sich die Musik und Umgebungsgeräusche den unterschiedlichen Biomen anpassen und stets das richtige Maß an Dramatik oder Entspannung bieten. Auch die stimmigen Quests und kleinen Storyfäden, etwa die Geschichte eines mysteriösen Funkturms auf Onbus Rücken oder die Begegnung mit kuriosen NPCs, untermalen das Abenteuer. Zwar bleibt die Story größtenteils zurückhaltend und dient primär als roter Faden für die Gameplay-Progression, aber sie baut eine glaubhafte Welt auf, in der viel Raum für Fantasie bleibt.

Die Forschung verleiht dem Spiel zusätzliche Tiefe: Über einen ausufernden Tech-Tree schaltet man neue Ressourcen, Gebäude und Interaktionen frei, was zum Experimentieren und Planen einlädt. Entscheidungen wie „Sollen Beeren direkt gegessen oder erst zu Marmelade verarbeitet werden?“ oder „Schicke ich Siedler auf eine risikoreiche Erkundung?“ erzeugen einen motivierenden Spielfluss. Durch zufallsgenerierte Weltkarten und dynamische Biome bleibt jede Partie, die oft Dutzende Stunden beansprucht, spannend.

Technik und Kritikpunkte

Die Performance ist sowohl auf PC als auch auf den nun unterstützten Konsolen (PlayStation, Xbox, Switch) durchweg solide. Die Steuerung fühlt sich intuitiv an, die Menüs sind übersichtlich und auch Einsteiger gewöhnen sich schnell ein. Ein paar kleine Schwächen bleiben: So ist das Anlegen der ersten Siedlungsstruktur relativ starr; Gebäude lassen sich teils später nicht mehr umplatzieren, was im fortschreitenden Spielverlauf zu etwas Frust führen kann. Hinzu kommen kleine Schwankungen beim Ressourcenüberblick und gelegentliche Momente, in denen Onbu plötzlich eigene Wege geht und dabei alle sorgfältigen Planungen auf den Kopf stellt.

Die Story bleibt, trotz interessanter Grundansätze, letztlich etwas im Hintergrund und dient eher als Motivation für neue Meilensteine, denn als große Erzählung. Wer sich einen storylastigen Survival-Aufbau mit vielen Dialogen erhofft, wird davon vielleicht etwas enttäuscht sein.

Fazit: Einzigartig, fordernd und voller Herz

The Wandering Village bietet ein ganz besonderes Spielerlebnis, das klassische Citybuilder-Mechaniken mit emotionalem Survival und einer Prise Ökodrama verbindet. Die Symbiose aus Mensch und Riesenwesen erzeugt eine außergewöhnliche Dynamik, die nach wenigen Minuten fesselt und für viele Stunden nicht mehr loslässt. Trotz kleiner Macken in der Benutzerführung und einer zurückhaltenden Geschichte bleibt ein atmosphärisch dichtes, cleveres und motivierendes Survival-Aufbauspiel, das durch den stetigen Wandel des Wanderbioms und die Beziehung zu Onbu besondere Momente erschafft. Wer den Wunsch nach etwas Frischem im Strategie-Genre verspürt oder einen Grund sucht, sich wie damals auf der gamescom begeistert in ein ungewöhnliches Indie-Abenteuer zu stürzen, findet hier genau das richtige Spiel.

Erhältlich für: PS, Xbox, PC, Switch 
Webseite: store.steampowered.com/app/1121640/The_Wandering_Village