Bei Tides of Tomorrow macht bereits schon die Grundidee neugierig. DigixArt, das Studio hinter Road 96, verlegt sein neues Abenteuer auf den überfluteten Planeten Elynd. Hier bedroht eine tödliche Plastifizierung alles Leben. Meine Reise hängt nicht nur von meinen Entscheidungen ab, sondern auch von denen anderer Spieler.
Genau dieses asynchrone Follower-System ist der große Aufhänger: Ich folge den Spuren eines anderen Tidewalkers, sehe Visionen seines Handelns und muss mit den Folgen leben, die er in meiner Welt hinterlassen hat.
Schon auf dem Papier klingt das nach einer Mischung aus Endzeit-Abenteuer, Erkundungsspiel und sozialem Experiment. Und tatsächlich ist Tides of Tomorrow am stärksten, wenn es aus diesem Konzept mehr macht als einen Marketing-Gag. Dann wird aus jeder Begegnung mit der Welt die leise Frage, ob ich hier gerade Hilfe erhalte, in fremden Scherben laufe oder selbst schon die nächste Spur für jemanden hinterlasse.
Wasserwelt mit eigenem Ton
Elynd ist dabei keine gewöhnliche Postapokalypse. Statt Staub, Schrott und Wüsten setzt das Spiel auf eine Welt aus Wasser. Hier gibt es schwimmende Plattformen, improvisierte Siedlungen und eine Krankheit, die aus dem Plastikmüll der alten Welt entstanden ist. Diese Bühne wirkt sofort eigenständig und hat genug eigene Ideen, um nicht bloß wie ein hübscher Verweis auf bekannte Vorbilder zu wirken.
Mir gefällt vor allem, wie das Spiel seine Themen trägt. Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit, Fraktionskonflikte und persönliche Verantwortung sind hier keine bloßen Hintergrundbegriffe, sondern sitzen direkt im Kern der Reise. Das verleiht der Geschichte Gewicht, ohne dass das Spiel ständig mit dem moralischen Zeigefinger wedelt. Es bleibt ein Abenteuer, aber eines, das seine Welt ernst nimmt.
Die Spuren der Anderen
Die größte Stärke liegt klar im Follower-System. Ich sehe geisterhafte Visionen eines anderen Spielers, finde von ihm reparierte Wege, treffe auf NPCs, die sich an sein Verhalten erinnern, und stoße manchmal auf Probleme, die er mir erst eingebrockt hat. Das ist clever, weil es dem Spiel eine Form von Multiplayer gibt, ohne den eigentlichen Solofluss zu zerstören. Ich spiele allein, aber nie ganz losgelöst.
So werden Entscheidungen spürbar, was dem Story-Gerüst eine ungewöhnliche Dynamik verleiht. Das ist nicht nur originell, sondern oft richtig spannend. Wenn ein NPC mir misstraut, weil mein Vorgänger Mist gebaut hat, oder wenn ich durch seine Spenden und Reparaturen leichter durchkomme, fühlt sich die Welt tatsächlich geteilt an.
Nicht jeder Wellengang trägt
Ganz ohne Probleme kommt Tides of Tomorrow aber nicht davon. Zum Beispiel kann die Neugier auf einen zweiten Durchlauf begrenzt bleiben, selbst wenn das System theoretisch neue Varianten erzeugt. Das ist ein wichtiger Punkt. Ein Spiel kann von Konsequenzen leben, aber es muss auch genug mechanischen oder erzählerischen Druck haben, damit ich dieselbe Route wirklich noch einmal mit anderen Vorzeichen sehen will. Aber dieses Problem haben auch andere Spiele, um fair zu bleiben.
Auch spielerisch ist nicht alles gleich stark. Es gibt zwar Action-, Stealth- und Survival-Elemente, aber das Gesamtbild wirkt eher solide als brillant. Soll heißen: Die Idee reißt viele mit, die Umsetzung aber nicht jeden gleichermaßen.
Fazit
Tides of Tomorrow ist für mich ein sehr interessantes, ungewöhnliches Abenteuer. Nicht, weil es jede Disziplin perfekt beherrscht, sondern weil es etwas versucht, das im Story-Genre noch immer selten ist: echte Verantwortung zwischen fremden Spieldurchläufen spürbar zu machen. Wenn das Spiel seine Mechanik, seine Wasserwelt und seine moralischen Grauzonen zusammenspannt, entsteht ein Sog, den man so nicht oft bekommt.
Es wirkt auf mich deshalb wie ein mutiger, eigenständiger Wurf mit echtem Profil. Wer originelle Narrative, ungewöhnliche Strukturen und atmosphärische Endzeitwelten mag, dürfte hier einiges entdecken. Wer dagegen vor allem auf feinpolierte Action oder maximalen Wiederspielwert hofft, wird wohl eher die Wellen zählen, als völlig in ihnen zu verschwinden.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: tidesoftomorrow.thqnordic.com