Im Vorfeld wurde ich nie so richtig warm mit dem Konzept von „Watch Dogs Legion“. Ubisoft zeigte Screenshots, auf denen eine alte Dame einen stattlichen Polizisten verprügelt oder einen Bauarbeiter, der sich in ein System hackt. Das war mir zu abgefahren oder unglaubwürdig. Inzwischen habe ich aber verstanden, worauf es den Entwicklern ankommt. Das ist auf der einen Seite ziemlich faszinierend, auf der anderen Seite aber auch ernüchternd, wenn man Geschichten mag.
Das Volk rührt sich
Fangen wir mit der Story an, ohne etwas zu spoilern. Mittelpunkt von „Watch Dogs Legion“ ist London in einer nahen oder fernen Zukunft – ganz wie man es betrachtet. Jedenfalls hat sich eine fiese Gesellschaft namens Albion als beherrschende Macht über London aufgetan. Die Bevölkerung leidet größtenteils darunter.
Die Untergrundorganisation Desec, die ihr aus Teil 1 und 2 kennt, gibt es in der Form kaum noch. Und dann geschieht ein großes Unglück und wird den restlichen Mitgliedern von Dedsec angehaftet. Zeit, um zurückzuschlagen. Auch wenn es im Prolog recht hektisch zur Sache geht, ist die Geschichte von „Watch Dogs Legion“ spannend in Szene gesetzt.
Ohne viel Erklärungen – was ich echt schade fand – geht es mitten in die Action. Anschließend werdet ihr ins weitläufige London gelassen. Und dass es weitläufig ist, werdet ihr schnell feststellen. Insgesamt acht Bezirke warten auf eure Künste und darauf, von Albion befreit zu werden. Wohin ihr als erstes geht? Eure Entscheidung. „Watch Dogs Legion“ macht euch kaum Vorschriften – was eigentlich ganz cool ist.
Feel free!
Auch bei der Wahl der Vorgehensweise einer Mission sind euch kaum Einschränkungen vorgesetzt. Ihr entscheidet, wie ihr das Ziel erreicht. Dazu sucht ihr euch einen passenden Mitstreiter mit den benötigten Fähigkeiten und los geht’s. Das ist sowohl das Schöne als auch der Knackpunkt an „Watch Dogs Legion“. Denn theoretisch kann sich jeder Bürger Dedsec anschließen, wenn ihr ihm oder ihr einen Gefallen tut.
Im Vorfeld erfahrt ihr auch etwas über ihre entsprechenden Stärken und Schwächen. Ist die Person im Team, habt ihr Zugriff auf sie. Bei den meisten ist es recht simpel, sie zu rekrutieren. Wollt ihr aber einen Albion-Polizisten im Team, dann ist schon mehr Anstrengung nötig. Ein sogenannter Deep-Profiler beobachtet das Ziel dann ganz genau und schaut auf dessen Tagesablauf. Dadurch erfahrt ihr, was die Person mag und was nicht.
Mit diesem Wissen könnt ihr dann den Versuch starten, die Person zu rekrutieren – echt spannend. Ist es geschafft, freut sich das Erfolgserlebnis. Als riesengroßer Sandkasten mit einer Menge Potenzial zum Experimentieren eignet sich „Watch Dogs Legion“ hervorragend. Es gibt natürlich auch ein Aber!
Individuell, aber ohne Persönlichkeit
Denn durch die unterschiedlichen Personen, denen ihr überall begegnet, kommt auch keine rechte Bindung zu ihnen auf. Es gibt auch keinen Haupthelden, den ihr stets begleitet. Ihr seid im wahrsten Sinne das Volk, das sich auflehnt. Der Story tut das nicht sonderlich gut. Denn oft reden die Personen zwar miteinander, aber dabei kommt meist sehr belangloses Zeugs heraus. Es gibt keine schönen Skripts, die perfekt auf die Geschichte angepasst wurden. Persönlich finde ich das sehr schade.
Auch die einzelnen Charaktere, die ihr findet, sind am Ende nur Zahlen aus einer Datenbank, deren Werte sich voneinander unterscheiden – Persönlichkeit Fehlanzeige! Rein optisch ist „Watch Dogs Legion“ übrigens eine Wucht: Ich wage fast zu behaupten, dass es London in dieser Detailtiefe noch nirgends in einem Spiel zu sehen gab. Auch bekannte Bauwerke wie die Westminster Abbey oder der Big Ben sind auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Zudem wurden die Wahrzeichen wie die roten Doppeldeckerbusse schick in die Zukunft transportiert.
Fazit
Kommen wir zum Endresultat. Mein Herz schlägt hier zwei Takte: Zum einen liebe ich die Freiheiten, die mir „Watch Dogs Legion“ lässt. Es ist schon eine coole Sache, dass ich mir mein Team selbst erstellen und damit dann Albion stürzen darf. Doch andererseits fehlt mir der rote Faden. Alles fühlt sich irgendwie gleich oder belanglos an – ohne echte Höhepunkte. Dafür ist Ubisoft grafisch ein Fest gelungen. Wer auf eine Story also verzichten kann und dafür einen großen Sandkasten bevorzugt, der sollte hier zugreifen.
Erhältlich für: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, PC
Website: ubisoft.com/de-de/game/watch-dogs/legion