In meiner Kindheit habe ich wie fast alle Jungs meines Alters Wrestling geliebt. Entgegen manchen Warnungen haben meine Freunde und ich einige waghalsige Aktionen im Kinderzimmer nachgespielt. Einmal – und wirklich nur einmal – geriet dies kurz außer Kontrolle als ich einen Kumpel mit Razors Edge finishen wollte. Naja, er hat’s überlebt.
Aber damit will ich eigentlich nur sagen: Wir brannten damals für Wrestling. Als Erwachsener schaue ich mir hin und wieder gerne ein Match an, obwohl mir längst nicht mehr alle Personen, die dort mitmischen bekannt vorkommen. Also sollte ich die Spiele dazu eigentlich auch lieben, oder etwa nicht? Nun ja, das ist eine schwierige Geschichte.
Einfach, aber spaßig
Zu Zeiten des Super Nintendos waren Wrestling-Spiele noch recht einfach gestrickt: Ihr habt ein paar Knöpfe für verschiedene Aktionen und das war es dann auch. Spiele wie Royal Rumble machten dennoch immens Spaß gemeinsam mit Freunden. Doch über die Zeit entwickelte sich das Genre weiter – und verlor mich Stück für Stück.
Den vielleicht tiefsten Punkt erreichte vor zwei Jahren WWE 2K20: Das Spiel war zwar überfrachtet mit Inhalten, aber genauso war auch die Steuerung überfrachtet und ohne ein Studium (vielleicht übertreibe ich hier ein wenig) nicht zu bewältigen. Aus dem locker-leichten Wrestling wurde harte Arbeit. Klar, man wollte Richtung Simulation gehen. Aber muss das sein? Mein Interesse schwand und geistig begrub ich die Reihe für mich. Doch Publisher 2K reagierte.
Mit WWE 2K22 wollte man nun einen Neustart wagen. Die erste gravierende Änderung: Ein neuer Entwickler musste her. Mit Visual Concept hat man nun erfahrene NBA 2K Veteranen verpflichtet, die wissen, wie Sportspiele funktionieren. Der erste Schritt: Alte Steuerung über Bord und her mit einer neuen, wesentlich kompakteren Steuerung.
Ganz wie früher habt ihr nun jeweils einen Knopf für leichte und harte Schläge, für Griffe und Spezial-Aktionen. Man merkt bereits im Tutorial: Hier geht es endlich wieder wesentlich arcadiger zu als in den letzten Teilen der Reihe. Aus meiner Sicht ein dicker Pluspunkt.
Hinzu kommt, dass die meisten Aktionen wie Pinnen oder Befreien nun wesentlich besser zu meistern und vor allem zu kapieren sind. Ihr hämmert nun etwas auf einem bestimmten Knopf herum, der euch angezeigt wird, anstatt kompliziert in irgendwelche Richtungen zu navigieren. Das macht wirklich mehr Laune und fühlt sich gleich besser an.
Außerdem müsst ihr nun nicht mehr die Reflexe eines Ninjas besitzen, wenn ihr mal kontern wollt. Die Aktionstaste ist nun deutlich besser zu treffen, wenn ein Gegner zuschlägt. Das bringt so viel mehr Dynamik in die Kämpfe – klasse. Also aus Sicht der Steuerung geht WWE 2K22 einen riesigen Schritt in die richtige Richtung. Haken dran!
Barbie trifft Ken
In der Vergangenheit waren die Spieler-Modelle auch immer ein Thema: Die meiste Kritik traf den Plastik-Look der Charaktere. Auch hier haben die Entwickler Hand angelegt. Sämtliche Wrestler und Wrestlerinnen sehen ein gutes Stück besser aus. Hinzu kommen die geschmeidigen Animationen im Ring, die nur selten mal abgehakt aussehen. Das bringt ebenfalls eine glaubwürdige Dynamik in die Kämpfe. Einzig bei den Haaren ist noch deutlich Luft nach oben. Doch dieses Problem haben auch andere Spiele. Im Ring fällt das kaum auf – mir jedenfalls nicht. Nur als ich den Story-Modus spielte, kamen diese komischen Momente …
Denn der Story-Modus an sich ist mal wieder eine coole Sache. Werdet vom blutigen Anfänger zum Akrobaten der Lüfte. Während der Handlung trefft ihr immer wieder auf Legenden des Wrestling-Sports, die mit euch einen Plausch abhalten. Das Blöde dabei: Während die anderen mit euch reden, bleiben sie merkwürdig emotionslos dastehen.
Oft dachte ich, dass sich vielleicht ein Alien in deren Köpfen eingenistet hat und die Kontrolle übernimmt. Aber zum Glück ist das nur abseits des Rings so. Sobald der Einmarsch in die Arena erfolgt – natürlich mit ordentlich Effektfeuerwerk und Gänsehautmomenten – geht der Spaß los.
Genug zu tun
Apropos Spaß: Über Abwechslung braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. WWE 2K22 ist mal wieder vollgepackt mit jeder Menge Spielmodi. Auch mit dabei: Das beliebte Sammelkarten-Spielchen, in dem ihr eure Heldentruppe selbst zusammenstellen könnt und immer wieder neue Karten entdeckt. Diese könnt ihr bequem per Ingame-Währung ergattern. Wer also viel spielt, bekommt auch entsprechende Decks schnell zusammen. Über Mikrotransaktionen brauche ich hier kein Wort zu verlieren. Kommen wir zu einem abschließenden Urteil.
Fazit
Hat 2K und Visual Concept mit WWE 2K22 also die Wende hinbekommen und alles gut gemacht? Größtenteils schon. Allerdings gibt es immer noch einige Baustellen. Mein Highlight ist die neue Steuerung, die mir wieder Lust auf weitere Matches gemacht hat. Endlich wieder mehr Arcade und Spaß als Simulation und hartes Üben. Das ist für mich der Kern des Wrestling-Sports.
Grafisch kann WWE 2K22 bereits einige Schwächen der Vorgänger ausbügeln, hat aber immer noch Luft nach oben. Doch damit ist die Reihe wieder auf Kurs für ein unterhaltsames Party-Vergnügen mit Freunden. Ich bin guter Dinge, dass WWE 2K23 (oder vielleicht erst 2K24) noch eine Schippe drauflegen wird. Für mich ist die Serie damit noch längst nicht ausgezählt.
Erhältlich für: Xbox, Playstation, Switch, PC
Website: wwe.2k.com/de-DE