Wenn ich über die „Yakuza“-Reihe schreibe, dann muss ich gestehen, dass ich erst ganz frisch mit dieser vertraut wurde – obwohl sie nun seit 13 Jahren existiert und insgesamt sieben Spiele hervorgebracht hat. Zu meiner Verteidigung: Die meisten dieser Spiele sind in Japan erschienen und haben im Westen eher ein Schattendasein geführt. Warum? Das kann ich leider nicht genau sagen. Denn nachdem ich im letzten Jahr mit „Yakuza Zero“ auf Tuchfühlung gegangen bin, kann ich es kaum erwarten, auch die restlichen Teile zu spielen.
Viel zu spät gestartet
Dumme Sache: „Yakuza 6: The Song of Life“ bildet den Abschluss der traditionellen Reihe. Zumindest ist nach dem Abenteuer Schluss mit der Karriere von Hauptakteur Kazuma Kiryu, der in den Spielen seinen Aufstieg zum mächtigsten Mann in der japanischen Mafia feierte. Wer nun mehr über diesen hartgesottenen Kerl erfahren möchte, sollte sich am besten zunächst einmal „Yakuza Zero“ anschauen, das die Anfänge von Kiryu in den 80er-Jahren zeigt – ihr werdet sicherlich überrascht sein von der abgedrehten Art des Spielchens.
Aber zurück zu Teil sechs. Diesmal geht es langsam dem Ende entgegen – nicht, dass Kiryu sonderlich alt wäre: Mit Mitte 40 ist der Ex-Knacki aber nun wirklich reif für die Rente. Die Welt um ihn herum hat sich so stark geändert, dass er einfach nicht mehr dort hineinpasst. Lasst doch andere das Zepter der Macht übernehmen – Kiryu stört das nicht mehr. Doch welchen Hobbys könnte er sich widmen? Da kommt seine drei Jahre lang verschollene Tochter gerade recht – nun ja, fast.
Kiryu hört, dass sie in einen schweren Autounfall verwickelt war und jetzt im Koma liegt. Ihren paar Monate alten Sohn Haruto nimmt Kiryu liebend bei sich auf. Von nun an bestimmt der kleine Mann den Alltag des einst so mächtigen Mafia-Bosses. Was folgt ist eine Geschichte nach der Wahrheit, die Hollywood kaum hätte besser inszenieren können: Von Freundschaft und Verrat, von Intrigen und Liebe, von Täuschungen und unerwarteten Wendungen werdet ihr für die nächsten 30 bis 50 Stunden bestens unterhalten werden.
Schmale Taille
Kenner der Vorgänger werden sich jetzt über diese Zahlen wundern: „Nur“ 30 bis 50 Stunden? Ja, die anderen Spiele waren umfangreicher. Aber glaubt mir: bei „Yakuza 6“ wird nichts künstlich in die Länge gezogen und jede Minute hat ihre Daseinsberechtigung. Da macht es mir auch nichts aus, dass ich nicht doppelt so lange zocken kann – wir sprechen hier immer noch von ein bis zwei kompletten Tagen, die ihr für das Abenteuer braucht.
Alle, die nicht wissen, wie sich das Ganze spielt, sei gesagt: Kein Screenshot kann wirklich ausdrücken, wie verrückt es hier zugeht. Das Spiel vereint mehrere Genres und wirft sie euch abwechselnd und für mich manchmal unvorbereitet an den Kopf. Ihr erkundet die Stadt, kommt plötzlich in eine Schlägerei, nur um kurz darauf mit einem Restaurantbesitzer über die Speisekarte zu diskutieren oder euch beim Baseball-Minispiel die Zeit zu vertreiben. Hier steckt so viel Unterhaltung drin, dass einem schwindelig werden könnte.
Ein Drache mit Auge fürs Detail
Publisher Sega wollte das große Finale übrigens gebührend festhalten und hat sich zum Umstieg auf eine neue Grafik-Engine entschieden: Die "Dragon"-Engine zaubert so viele Details auf den Bildschirm, dass mir fast die Kinnlade gen Boden geklappt ist – zudem hatte ich nicht selten das Gefühl, gleich einen epileptischen Anfall zu erleiden vor lauter Neonfarben in der Metropole Kamurocho.
Ihr könnt beinahe jedes Schild lesen, im Supermarkt die Etiketten studieren oder alles auf einmal auf euch wirken lassen. Die "Dragon"-Engine befördert die „Yakuza“-Reihe damit eindrucksvoll in eine aussichtsreiche Zukunft. Nur mit einem muss der neue Grafik-Motor kämpfen: Die Framerate sackt hier und da doch gefährlich ein. Aber kein Problem, das Sega in den nächsten Monaten nicht in den Griff bekommen würde. Beeindruckend.
Der Grafik-Engine zugunsten wurden einige Features aus den Vorgängern ordentlich eingedampft, was mit anfangs kaum aufgefallen wäre. So gibt es für Kiryu nur noch einen Kampfstil und nicht mehr vier, wie ich es aus „Zero“ kenne. Das vereinfacht die Fights zwar etwas, sieht aber immer noch richtig klasse aus – zumal sämtliche Moves herrlich übertrieben dargestellt sind. Wenn Kiryu mit einem Fahrrad zuschlägt und danach gleich fünf Männer in sämtliche Himmelsrichtungen verstreut werden, hat das schon was von „Kung Fu Hustle“.
Fazit
Schöne, unterhaltsame Story trifft auf eine Spielmechanik, die mich auch nach zwanzig Stunden noch zu überraschen weiß: Von nächtlichen Ausflügen auf der Suche nach Baby-Milch über Besuche im völlig überfüllten Schnellrestaurant bis hin zu jeder Menge Schlägereien und verrückten Mini-Spielchen ist „Yakuza 6: The Song of Life“ prall gefüllt mit genialen Ideen. Es mag vielleicht nicht der beste Teil der Reihe sein, dafür aber sicherlich der emotionalste und detailstärkste. Anfängern empfehle ich zunächst mit „Yakuza Zero“ zu starten, bevor ihr euch hier ran wagt. Vielleicht gehört ihr auch schon sehr bald zur Yakuza, die Sega geschaffen hat. Kiryus Reise ist zwar zu Ende, die Reihe aber hoffentlich noch lange nicht.
Erhältlich für: PS4
Website: yakuza.sega.com/yakuza6